Gemeinsame Veranstaltung von Fraktion und Verein Motor Görlitz. Thema: Aufbruch Ost – Zukunft des Wirtschaftsstandortes Görlitz.

40 Gäste kamen zum Siemens Energy Innovation Campus. Darunter auch aus Cottbus, Bautzen und Löbau. Sehr zur Freude von Mike Altmann. Er hielt in der Podiumsrunde ein Plädoyer für mehr regionale Zusammenarbeit. „Der Fortschritt endet nicht an einer Stadt- oder Kreisgrenze.“ Der Vorsitzende der Fraktion Motor Görlitz/Bündnisgrüne im Stadtrat wünscht sich Gelassenheit, trotz Veränderungsdrucks. „Görlitz hat als kleine Stadt einen stolzen Ausländeranteil von über 15 Prozent. Innerhalb der letzten 20 Jahre sind vor allem Familien aus Polen zugezogen. Ohne internationale Beschäftigte wären bereits viele Bereiche wie die Gesundheitsversorgung und die Produktion nicht mehr leistungsfähig. Diese Internationalität, diese Mehrsprachigkeit ist ein Pfund.“ Denn, darüber war sich die Runde einig, künftig geht es bei Standortentscheidungen um die Frage, ob Personal verfügbar ist.


Moderatorin Inga Witig im Gespräch mit Christoph Scholze (tragwerk) und Christian Reichardt (Allgemeiner Unternehmerverband Görlitz und Umgebung)

Christoph Scholze, selbständiger Innovationsberater und früherer Siemens-Ingenieur, nimmt den Ball auf. „Leute von außerhalb kommen wegen spannender Aufgaben. Die Schönheit einer Stadt ist nicht entscheidend.“ Scholze sieht die Region dafür gut aufgestellt. „Die Oberlausitz hat eine einzigartige Wissenschafts- und Forschungslandschaft, wenn wir auf andere ländlich geprägte Regionen schauen. Neben der Hochschule sind viele namhafte Forschungseinrichtungen da. Mit dem Deutschen Zentrum für Astrophysik kommt ein Ort hinzu, wo Erkenntnisse aus der Forschung direkt in Produkte einfließen können.“ Wertschöpfung könnte also direkt in Görlitz stattfinden. Verlängerte Werkbänke nach hinten geschoben werden.


Mike Altmann und Eva Wittig

Seine neuen Chancen verdankt Görlitz weltweiten Veränderungsprozessen. Diese „Megatrends“ stellte Motor-Chef Axel Krüger bereits in seinen Begrüßungsworten ins Zentrum. „Lawinen in Zeitlupe“ werden sie genannt. Ausweichen kann man ihnen nicht. Statt sich von Veränderungen überrollen zu lassen, sollten wir sie für uns gestalten. Vieles passt hervorragend auf unsere Region. Selbst das von uns oft beklagte Thema „überalterte Gesellschaft“ ist ein weltweiter Megatrend. Nennt sich „Silver Society“ und beinhaltet Themen wie Gesunderhaltung, Entschleunigung aber auch einen wertschätzenden Umgang mit Älteren – die Generation Erfahrung wird gebraucht.

Ein erfahrener Mann in Wirtschaftsfragen ist Christian Reichardt. Der Anwalt saß für den Allgemeinen Unternehmerverband Görlitz und Umgebung (AUV) im Podium und wünscht sich mehr wirtschaftliche Themen in der Kommunalpolitik. Schon seit vielen Jahren gibt es einen Forderungskatalog des AUV, der vom Görlitzer Rathaus weitestgehend ignoriert wird. Der einst unter Siegfried Deinege ins Leben gerufene beratende Ausschuss für Wirtschaft und Stadtentwicklung wird ohne echte Themen ausgehungert. Dabei böte dieses Gremium die Möglichkeit, Entwicklungen zu analysieren und Görlitzer Lösungen zu finden. Völlig unverständlich ist es für Christian Reichardt, warum ein Antrag der Fraktion Motor Görlitz/Bündnisgrüne unlängst im Stadtrat abgelehnt wurde, mit dem das Potenzial von PV-Anlagen auf städtischen Liegenschaften und Flächen untersucht werden sollte. „Hier wird eine Menge Geld verspielt. Es gibt keinen fundierten Plan, wie das ausgerufene Ziel einer klimaneutralen Stadt erreicht werden soll. Eine Fernwärmeleitung reicht nicht.“

Der eigentliche Star des Abends ist Moderatorin Inga Witing. Bei aller Emotion führt sie die Runde immer wieder zurück auf den Themenpfad. Wohin zeigt denn der Daumen, wenn es um den Wirtschaftsstandort Görlitz geht? Eva Wittig, Geschäftsführerin der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft EGZ, ist optimistisch. „Wir haben bei der Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze zugelegt. Im Vergleich zum letzten Jahr um zwei Prozent. Das ist angesichts der schwierigen Gesamtlage beachtlich.“ Schon dass sich Görlitz eine Gesellschaft für die Wirtschaftsförderung leistet, sei nicht selbstverständlich.

Eva Wittig und ihr Team verantworten seit mehreren Jahren ein Kampagne, die speziell ausländische Fachkräfte anspricht und kooperiert vorbildlich mit regionalen Partnern. Die Ernte wird Görlitz in den nächsten Jahren einfahren, ist sich Mike Altmann sicher. Das sei aber nicht alleinige Aufgabe des Rathauses oder städtischer Gesellschaften. „Die Unternehmen sind gefragt. Kluge Personalverantwortlichen machen sich nicht lustig über die junge Generation, die achtsamer mit sich und ihrer Umwelt umgeht. Sie stellen sich auf die Bedürfnisse ihrer kommenden Azubis und Fachleute ein und machen ihre Unternehmen fit für die Zukunft.“

Axel Krüger, Görlitzer Motor

Wahrscheinlich ist das auch die wichtigste Antwort auf die Frage, was Görlitz für eine positive wirtschaftlichen Zukunft tun kann. Offen sein. Für Veränderungen. Für neue Menschen.

 

Fotos: Paul Glaser